2. Veranstaltung: Antisemitismus in Ostdeutschland: Bestandsaufnahmen – Erfahrungen – Prävention

Bereits im Jahr 2018 hat die F.C. Flick Stiftung gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam  eine Tageskonferenz zum Thema “Antisemitismus in Ostdeutschland: Spezifika – Analyse – Handlungsempfehlungen“ durchgeführt. Die damalige Veranstaltung ist auf große Resonanz gestoßen und hat klar gezeigt, dass mangelnde Geschichtskenntnisse, insbesondere in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands, wie auch verinnerlichte negative Stereotype aus Zeiten des SED-Regimes heutige Vorurteile und Abneigungen nicht nur gegenüber Israel, sondern auch gegenüber jüdischen Gemeinden und Einzelpersonen spürbar begünstigen.

Aus diesem Grunde und nicht zuletzt auch wegen der zugespitzten Lage im Nahostkonflikt hat die F.C. Flick Stiftung gemeinsam mit dem Moses Mendelssohn Zentrum und der Fachstelle Antisemitismus in Brandenburg am 5. Dezember eine Fortsetzung der Tageskonferenz „Antisemitismus in Ostdeutschland: Bestandsaufnahmen – Erfahrungen – Prävention“ mit Vertreter*innen der jüdischen Communities, interessierten Wissenschaftler*innen, Politiker*innen und zivilgesellschaftlichen Akteuren organisiert

Die Schirmherrschaft der Veranstaltung lag beim Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus Dr. Felix Klein.

Den Auftakt der Konferenz machte Apl. Prof. Dr. Gideon Botsch vom Moses Mendelssohn Zentrum, der in seinem Eingangsvortrag die historischen Linien des Antisemitismus von der Vergangenheit bis in die Gegenwart skizzierte und hierbei auch auf mögliche Spezifika eines ostdeutschen Antisemitismus einging. Anschließend bericheteten Vertreter*innen der jüdischen Communities aus Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus in den Neuen Bundesländern – nicht auch zuletzt im Kontext des Terrorangriffs der Hamas vom 7. Oktober. Jewgeni Kutikow von der Jüdischen Gemeinde der Stadt Potsdam berichtete mit Blick auf die jüngsten Ereignisse: “Viele Gemeindemitglieder haben Angst, dass irgendetwas passieren kann.”

Gianna Marcuk vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Rostock zeigte sich ebenfalls bestürzt, über das Anwachsen antisemitischer Einstellungen und Taten, will sich dem jedoch entschieden entgegenstellen: „Ich bin in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen und war mein Leben lang mit Antisemitismus konfrontiert“, sagte sie. „In Deutschland konnte ich erstmals stolz auf mein Judentum sein – und jetzt soll ich mich wieder verstecken? […] „Wir sind als Aktivisten gegen Antisemitismus in der Stadt bekannt und wir machen weiter!

Im Nachgang konnten sich die Teilnehmer*innen in einer Reihe von Vorträgen über empirische Befunde zum Antisemitismus in Ostdeutschland informieren. So gab Benjamin Steinitz vom Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) Einblicke in Aktuelle Trends bei der Erfassung von antisemitischen Zwischenfällen. Prof.Oliver Decker von der Universität Leipzig berichtete über Antisemitische Haltungen in der deutschen Bevölkerung und ging hier der Frage nach, ob es dabei ostdeutsche Besonderheiten gibt. Marina Chernivsky vom Kompetenzzentrum Antisemitismuskritische Bildung & Forschung und Prof. Friederike Lorenz-Sinai von Fachhochschule Potsdam präsentierten Zwischenergebnisse ihrer Studie “Antisemitismus im Kontext Schule in Sachsen”. Den Abschluss im Bereich der empirischen Befunde bildete der Vortrag von Prof. Heike Radvan, die Einlicke gab in die Lokalhistorische Forschung mit Jugendlichen zu Antisemitismus in der DDR.

Im letzten Themenblock wurde die Zivilgesellschaftliche Bekämpfung von Antisemitismus thematisiert. Hierzu gab es Einblicke in die Arbeit von Dr. Thomas Feist dem Beauftragten der Sächsischen Staatsregierung für das Jüdische Leben sowie von Miriam Kohl und Felix Klepzig von der Fachstelle Antisemitismus Brandenburg.

Abschließend waren sich alle einig, dass im Kampf gegen Antisemitismus das Zusammenwirken und die Vernetzung der Akteure aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft von größter Bedeutung ist und Konferenzen wie diese eine wesentlichen Beitrag dazu leisten.

1. Veranstaltung: Antisemitismus in Ostdeutschland: Spezifika – Analyse – Handlungsempfehlungen

Nach der politischen Wiedervereinigung ist auch in Ostdeutschland das jüdische Leben wieder gewachsen. Doch neben Rechtspopulismus, wachsendem Fremdenhass und vermehrten rassistischen Übergriffen gewinnt auch der Antisemitismus aktuell an Fahrt. Es stellt sich die Frage: gibt es ein spezifisches Antisemitismus-Problem in Ostdeutschland, und wenn ja: Wie kann es effizient erfasst und bekämpft werden?

Wie kann konkrete Unterstützung für betroffene jüdische Gemeinden und Einzelpersonen aussehen, und welche Möglichkeiten für eine hilfreiche Bildungs- Präventions- und Interventionsarbeit gibt es? Diese und weitere Fragen behandelte der Workshop “Antisemitismus in Ostdeutschland: Spezifika – Analyse – Handlungsempfehlungen“, den das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam und die F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz am 8. März 2018 durchgeführt haben.

Viele der Teilnehmer stimmten darin überein, dass mangelnde Geschichtskenntnisse, insbesondere in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands, wie auch verinnerlichte negative Stereotype aus Zeiten des SED- Regimes heutige Vorurteile und Abneigungen nicht nur gegenüber Israel, sondern auch gegenüber jüdischen Gemeinden und Einzelpersonen spürbar fördern. Hieraus erwächst die dringliche Forderungen die pädagogische Bildung zu verbessern, angefangen bei der Hochschulausbildung der Lehrer bis hin zu begleitenden Programmen gegen aktuellen Antisemitismus an Schulen.

Die Teilnehmer des Workshops betonten die besondere Notwendigkeit einer Stärkung der Rechtsstaatlichkeit, spezifische Fortbildungsangebote für Pädagogen, Sozialarbeiter und Polizisten, die Förderung interkultureller Begegnungen auf breiterer Ebene sowie eine stärkere Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Initiativen vor Ort. Sie sprachen sich außerdem für die Berufung von Antisemitismusbeauftragten in allen Bundesländern aus.

Bilder: Joachim Liebe