Erfahrungsbericht Kopernikus von Kathleen Bohm

Kathleen_BohmIch habe ein Schulsemester in Poznan (Polen) verbracht. Während dieser Zeit lebte ich in einer Gastfamilie. Ich bin sehr glücklich mit der Entscheidung in eine Gastfamilie zu gehen. Es war eine ganz neue und spannende Erfahrung für mich. Ich musste mich schließlich nicht nur an ein neues Land mit anderer Sprache, sondern auch an eine neue Familie gewöhnen. Erstaunlicherweise fiel mir das leicht. Ich verstehe mich ausgezeichnet mit ihnen. Meine Austauschschülerin Liwia half mir mit meinen Hausaufgaben und zeigte mir das Leben der Jugendlichen dort. Ich fühlte mich in der ganzen Zeit wie ein Familienmitglied und habe vor, den Kontakt auch weiterhin zu pflegen. Durch das Leben in einer polnischen Familie lernte ich die polnische Mentalität, die Lebensweise, das Essen, das Familienleben viel besser kennen. Ich stellte fest, dass Polen richtige Familienmenschen sind.

Polen sind auch sehr spontane Menschen. Ich persönlich plane sehr gern, deswegen störte ich mich ein wenig daran. Auch lebt dort jeder sein Leben und interessiert sich weniger für denAnderen. Man stellt einfach nicht viele Fragen. Mir gefällt an der polnischen Mentalität diese Lockerheit und Freundlichkeit. Die Jungen sind noch richtige Gentleman, die einem die Tür aufhalten. In der Straßenbahn ist es selbstverständlich für ältere Menschen aufzustehen.

Auch in meiner Schule und in meiner Klasse wurde ich herzlich aufgenommen. Natürlich fällt es einem schwer sich zu integrieren. Durch fehlende Sprachkenntnisse kann eine leichte Unterhaltung schon mal zu einem riesigen Hindernis werden. Die Hemmung zu sprechen verlor ich jedoch bei meinen Freunden dort, denn diese ließen mir Zeit die richtigen Worte zu finden oder machten sich die Mühe meiner Erzählung pantomimisch weiter zu folgen.

Ich besuchte die erste Klasse. Das hatte den Vorteil, dass mir das Verstehen des Unterrichts leichter fiel. Die meisten der behandelten Themen kannte ich bereits aus dem Unterricht in Deutschland. Während der Unterrichtsstunden nahmen die Lehrer Rücksicht auf mich, förderten mich jedoch auch. Ich schrieb alle Arbeiten mit, genau die gleichen, wie meine Klasse, wurde jedoch weniger streng bewertet. Das war schwer und ich muss sagen, dass ich sehr viel Zeit mit Lernen verbracht habe. Mir fiel zudem auf, dass in Polen so gut wie jeden Tag eine Arbeit geschrieben wird, während in Deutschland Tests eher im Wellenprinzip geschrieben werden. Das heißt in Deutschland schreibt man meist in einer Woche massenhaft Tests und in der nächsten keinen. In meiner Schule in Polen verging fast kein Tag an dem man nicht mindestens einen Test geschrieben oder zurückbekommen hat. In Deutschland regte ich mich immer darüber auf, dass die Lehrer sich das nicht besser einteilen könnten, doch jetzt weiß ich wie anstrengend es ist, jeden Tag diesem Prüfungsstress ausgesetzt zu sein. Auch in Sachen Lehrer-Schüler-Beziehung zeigten sich mir einige Unterschiede. In Polen werden die Lehrer mit „pan/pani profesor“ angesprochen, obwohl die meisten nicht einmal einen Professorentitel haben. Auch wird polnischen Lehrern mehr Respekt gezollt und diesen erwarten sie auch. Ich finde es gut den Lehrer zu respektieren, was in Deutschland manchmal zu wünschen übrig lässt, doch ich finde in Polen wird es übertrieben. In Deutschland ist es mehr ein Miteinander von Lehrer und Schüler, in Polen müssen die Lehrer immer wieder ihre höhere Stellung beweisen. Positiv am polnischen Schulwesen fiel mir auf, dass man eine ungemein große Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit sowohl in der Klasse als auch in der Schule spüren konnte. Vor allem in der Weihnachtszeit fand ich das schön. Jede Klasse hatte seinen eigenen Weihnachtsbaum in seinem Klassenraum. An diesem Baum hingen von jedem eine Weihnachtskugel. Auch kümmerte sich unsere Klassenlehrerin um jeden einzelnen von uns. Ihr war es wichtig welche Leistungen wir brachten, wie das Verhältnis in der Klasse war, ob jemand Probleme hatte.

Einen Auslandsaustausch würde ich jedem weiterempfehlen. Nicht nur, weil es unglaublich interessant ist in einem anderen Land zu leben. Man lernt eine Fremdsprache gut, was dem späteren Berufsleben zugute kommt. Es war für mich vor allem eine Erfahrung für mich selbst. Das ich es geschafft habe dieses halbe Auslandsjahr zu meistern, hat meinem Selbstbewusstsein sehr gut getan und ich kann getrost stolz auf mich sein. Man ist bei so einem Austausch auf sich selbst gestellt. Die Eltern sind nicht da um einem zu helfen. Bevor ich nach Poznan ging, befürchtete ich zu selbstständig zu werden, dass es mir schwer fallen könnte danach wieder zu Hause zu wohnen und „unter den Fittichen“ der Eltern zu stehen. Doch diese Zeit weg von zu Hause hat mir gezeigt wie schön es ist zu Hause zu sein und Eltern zu haben, die sich um einen sorgen und kümmern. Man lernt alles, was man zurückgelassen hat viel mehr zu schätzen.

In meinem Schulsemester in Poznan lernte ich so viel mehr als nur die polnische Sprache. Ich lernte z.B. was wahre Freundschaft ist. Viele meiner Freundinnen machten zur selben Zeit wie ich diesen Austausch. Wir erlebten so viel miteinander, standen uns bei und wuchsen noch mehr zusammen. In meiner Klasse fand ich ebenfalls zwei sehr gute Freundinnen, die mir trotz Sprachprobleme sehr ans Herz gewachsen sind. Sie unterstützten mich, halfen mir und selbst jetzt wo ich wieder in Deutschland bin, bleiben wir in Kontakt.

Ich lernte während meines Polenaustausches außerdem so viel über mich selbst. Darüber war ich selbst überrascht. Doch hier sieht man sich den verschiedensten Situationen ausgesetzt, welche man selbst meistern muss. Man ist eben auf sich gestellt

Alles in Allem war dieser Austausch eine nicht ganz leichte, aber sehr positive Erfahrung für mich. Ich habe etwas in meinem Leben erreicht, worauf ich stolz sein kann und was ich niemals bereuen werde.

von Kathleen Bohm